Astrologie und Märchen (2): Irgendwo in der Tiefe …

In Wissen by Christopher

Irgendwo in der Tiefe …? (2)

Die Anwendung von Märchen in astrologischen Beratungen und die Unmöglichkeit ein Märchen sinnvoll zu deuten.

Die Psychoanalyse hat hier großartige Arbeit geleistet, und so glauben heute viele Menschen, dass Märchen nicht einfach nur Märchen sind, sondern eine geheime Botschaft enthielten, eine Struktur unter der Oberfläche, eine Tiefenstruktur, welche den eigentlichen Grund des Märchens bildet. Da ist zum Beispiel die wohl prototypische Deutung des Märchens von Rotkäppchen durch Erich Fromm: „Das ‚Rotkäppchen’ ist ein Symbol der Menstruation. Das kleine Mädchen, von dessen Abenteuer wir hören, ist eine reife Frau geworden und sieht sich jetzt mit ihrer Sexualität konfrontiert.“
Was ist passiert? Fromm fragt sich nicht, ob die rote Kappe nicht vielleicht am Ende nur ein spontaner Einfall eines der vielen Erzähler war, die uns dieses Märchen überlieferten. Vielleicht schmückte einst ein Märchenerzähler mit einem verschmitzten Lächeln das Märchen von der „kleinen, süßen Dirne, die hatte jedermann lieb“ mit diesem Detail, weil er in seiner Zuhörerschaft ein Mädchen erblickte, von dem er wusste, dass es sich eine solche Kappe wünschte? Möglich wäre es ja.

Die Herrschaft über das Märchen – und warum sie scheitert

Aber für Fromm scheint dies keine wirkliche Option gewesen zu sein, denn am Ende ist er überzeugt, dass „dieses Märchen … von dem Konflikt zwischen Mann und Frau [handelt]; es ist die Geschichte vom Triumph Männer hassender Frauen und endet mit deren Sieg.“ Wie das? Nun – es scheint Fromm klar zu sein, dass es sich bei diesem Märchen um eine Allegorie auf die erwachende Sexualität der Frau handelt. Nicht vom Wege abzuweichen, das Glas nicht zu zerbrechen – all dies versteht er als Anspielungen auf die Moral und die Warnung vor dem Verlust der Jungfräulichkeit. Doch im Wolfe begegnet die junge Frau ihrem Schicksal, dessen sexuelles Begehren wird durch den Anblick des Mädchens geschürt und er verführt sie. Das kannibalische Verschlingen der Frau versteht sich nun als Geschlechtsakt. Doch die Frau lässt sich dies am Ende nicht bieten, insbesondere weil sie sich eigentlich an Sexualität erfreuen wolle. Sie rebelliert gegen das Männliche, steht ihm feindselig gegenüber und rächt sich, indem sie ihn erst lächerlich macht – der Wolf wird in Frauenkleider gesteckt – und dann zu einer Scheinschwangerschaft verurteilt, indem sie ihm Steine in den aufgeschlitzten Unterleib steckt, Symbole des Unfruchtbaren, an denen er jämmerlich krepiert als Strafe für seine Anmaßung.
Spätestens jetzt sollte der Märchenliebhaber sich fragen, was ihm nun diese recht apodiktisch geführte Deutung gebracht hat. Was hat sie bei ihm bewirkt? Was erschließt sich ihm und bereichert dadurch sein Leben? Ich kann mich nur aus meiner eigenen Sichtweise dazu äußern und ich selbst fühle mich durch eine solche Interpretation eines meines Lieblingsmärchen begrenzt und ausgegrenzt. Da ist nichts, was auf Resonanz zu meiner eigenen inneren Landschaft stößt, auch wenn die Logik der Deutung für mich nachvollziehbar ist. Dieses Märchen, wie Fromm es erzählt, ist nicht mein Rotkäppchen – was selbiger mir freilich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Widerstand auslegen würde.
Es sei nicht verschwiegen, dass dies nicht die einzige Deutung des Märchens ist. Andere sind gekommen und haben das rote Käppchen in ganz andere Kontexte gesteckt – vielleicht ist es ja ein Symbol für die Sonne, die von der Nacht (Wolf) verschlungen wird, um dann aus dem Bauch der Nacht wieder geboren zu werden? Oder vielleicht ist es eine Allegorie auf eine Sonnenfinsternis? Wieder andere sehen in der Tiefe des Märchens den Prozess der schamanischen Initiation verborgen: „Rotkäppchen wurde als Mädchen verschlungen und als junge Frau aus dem Bauch des Wolfes wiedergeboren.“ Am Ende ist die Begegnung mit dem Wolf die Beschreibung eines Weges zur Selbsterkenntnis.

Fromms Deutung ist in meinen Augen der prototypische Versuch, des Rätsels eines Märchens Herr zu werden – und dabei Gefahr zu laufen, das Lebendige und Berührende daran zu zerstören. Das Typische des Rätsels ist seine changierende Ungewissheit, seine Verschwommenheit, seine fluktuierenden Möglichkeiten, die es in immer neuer Gestalt erscheinen lässt, wann immer man sich ihm zuwendet. Nun wird es per psychoanalytischem Dekret zur Eindimensionalität verdonnert: das Rätsel ist gelöst – scheinbar.

Genau hier tun sich meine Zweifel auf, mit denen ich jeder Deutung eines Märchens begegne – auch und gerade der astrologischen. Denn wo liegt wirklich der Unterschied zwischen der Deutung von Rotkäppchen als Verkörperung der Menarche oder als Repräsentantin eines Planetenprinzips wie meinetwegen Uranus, wie ich es selbst schon dargestellt habe? Ich will diesen Zweifel ein wenig begründen.
Zunächst einmal erinnern wir uns: Das Märchen ist ursprünglich ein akustisches Phänomen – es will gehört werden, nicht gelesen. Es besitzt ein sprachliche Oberfläche, die durch die mündliche Tradierung leichten Veränderungen ausgesetzt wird, während seine Struktur im Wesentlichen gleich bleibt – und mit Struktur beziehe ich mich auf die typische Verbindung von Kernelementen eines Märchens, die das Märchen von anderen unterscheidet. Auch hier mag es eine gewisse Variationsbreite geben, aber die ist eingeschränkt und erreicht spätestens da ihre Grenze, wo aus Rotkäppchen Dornröschen wird.

Die unlösbare Frage: Was steckt dahinter?

Das Besondere an Märchen ist, dass sie niemand erfunden hat – so wie man einen Roman schreibt oder eine Kurzgeschichte. Sie entspringen einer mündlichen Tradition, gelangten über Jahrhunderte vom Mund des Erzählers in das Ohr des Zuhörers und von dort in seine Fantasie. Dann sind sie sie irgendwann in den Bücherregalen gelandet, dank zahlreicher emsiger Märchensammler wie den Brüdern Grimm. In diesem Prozess der Fixierung erfuhren Märchen eine Art literarische Prägung und deshalb erkennen wir ein Märchen auch heute noch daran, dass es in einer eigentümlichen Sprache gesprochen wird, eine ganz eigene Erzählhaltung aufweist.
Wer weiß aber, wie die Märchen heute klingen würden, wenn sie nicht aufgeschrieben worden wären? Wovon würden sie handeln? Wie hätten sie sich unseren Lebensumständen angepasst? Wir können es nicht wissen. Und vielleicht ist das ganz gut so, denn so verbinden uns die Märchen allein über ihre Sprache mit einer Zeit irgendwo in der Vergangenheit, vielleicht so weit zurück liegend, dass es eine Zeit ohne Zeit ist, eben die Zeit des „Es war einmal …“. Es ist eine Zeit, die zu einer Welt gehört, die verzaubert ist, in der Dinge wie selbstverständlich geschehen und Menschen sich wie selbstverständlich verhalten, wie es unserem Alltagsverständnis von Wirklichkeit eher entgegengesetzt scheint. Märchen entführen in eine Welt neben der unseren, einer anderen Welt – und darin besteht nicht zuletzt ein ganz wesentlicher Reiz, der von ihnen ausgeht.
Diese Struktur nenne ich einfach die Oberflächenstruktur des Märchens, denn sie ist das, was jeder vor sich hat, wenn er das Märchen hört und mehr noch wenn er es liest, am besten in der gleichen Ausgabe. Diese Oberflächenstruktur ist grundsätzlich sprachlich, das heißt sie wird durch Worte vermittelt.
Oberfläche beinhaltet schon ein zweites Merkmal des Textes: es gibt etwas, was unter der Oberfläche zu finden ist – die Bedeutung des Textes, die wir Tiefenstruktur nennen können. Dies ist genau das, wovon alle Deuter eines Märchens ausgehen: Irgendwo in der Tiefe befindet sich die Bedeutung dessen, was wir auf der Oberfläche zu lesen/hören bekommen. Es gibt also einen Text und es gibt die Bedeutung des Textes. Man könnte auch sagen: Das eine ist, was uns das Märchen erzählt, das Tiefere ist, was das Märchen wirklich meint. So handelt es sich ja bei Fromm nicht wirklich um die Erzählung von einem jungen Mädchen, das einem Wolf im Walde begegnet, sondern um etwas ganz Anderes, nämlich um die Geschichte vom Triumph Männer hassender Frauen. Jede Deutung eines Märchens behauptet implizit, dass das Märchen, so wie es ist, nicht vollständig ist, sondern erst durch die Entdeckung der Tiefenstruktur vollständig würde.

Das Öffnen der Falltüre ins Nichts

Und hier wird es verwirrend. In dem Moment, indem ich eine Tiefenstruktur entdeckt zu haben glaube, kann ich nichts anderes tun, als diese Struktur wieder mit sprachlichen Mitteln zu äußern. Ich kleide sie wiederum in Wörter. So wird bei Fromm aus dem Wolf des Märchens an der Oberfläche in der Tiefe des Märchens der sexuell erregte Mann etc. Was aber haben wir anderes getan, als eine Geschichte durch eine andere Geschichte zu ersetzen? Diese Geschichte ist im Grunde wiederum nichts anderes als eine weitere Oberfläche und wir könnten uns fragen: Was meint Fromm eigentlich, wenn er vom Mann spricht, oder besser: vom Verhältnis zwischen Mann und Frau? Was bedeutet ihm Sexualität? In diesem Augenblick wird klar, dass jede Deutung wiederum nicht vollständig genug sein kann, weil es immer eine weitere „tiefere Struktur“ geben wird, eine weitere Stufe der Interpretation. Es ist, als ob wir eine Falltüre geöffnet haben, uns die glitschigen Stufen hinuntergeschlichen haben, um am Grunde angekommen eine weitere Falltüre finden – und nicht das von Gold und Juwelen funkelnde Reich unterirdischer Schätze, das Reich der „Wahrheit“. Bei Fromm führt uns diese weitere Falltüre vielleicht in das Reich der Psychoanalyse. Und wohin führen uns die Falltüren dort?
Es scheint also ein Trugschluss anzunehmen, man könne an eine wie auch immer geartete Tiefenstruktur des Märchens und damit an seine „Wahrheit“ gelangen. „Wahrheit“ – wenn wir uns überhaupt diesen Begriff erlauben dürfen – wäre etwas Vollständiges, etwas nicht weiter zu Hinterfragendes. An diesen Grund aller Dinge werden wir nie kommen – auch nicht mit der Astrologie. Wenn wir zwischen der Oberflächenstruktur und der Tiefenstruktur eine Leiter bauen, die aus astrologischen Symbolen besteht, haben wir nicht wirklich etwas gewonnen. Wir machen nur einen Umweg. Oder ist es vielleicht doch nicht ganz so einfach?

Fortsetzung ...
… folgt. Lesen Sie im letzten Teil dieses Artikels, auf welche Weise die Symbolik der Astrologie Interpretationen eines Märchens wirklich bereichern können.

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