Astrologie und Märchen (1): Irgendwo in der Tiefe …

In Wissen by Christopher

Irgendwo in der Tiefe …? (1)

Die Anwendung von Märchen in astrologischen Beratungen und die Unmöglichkeit ein Märchen sinnvoll zu deuten.

„Der Dummling setzte sich nieder und war traurig. Da bemerkte er auf einmal, dass neben der Feder eine Falltüre lag. Er hob sie in die Höhe, fand eine Treppe und stieg hinab …“ Aus: Die drei Federn.
Märchen sind, so viel ist mir spätestens seit meinen Studienzeiten bewusst, sehr robuste Gebilde, die sich nicht so leicht dem sezierenden Blick der Analyse preisgeben. Im Gegenteil – so wenig monumental sie auch wirken: sie haben etwas Monolithsches, sodass mir jeder Versuch, sie mit Hilfe des Verstandes in interpretierbare Tatsachen zerfallen zu lassen, wie der verzweifelte Akt erschien, mit einem ungeeigneten Werkzeug, wie meinetwegen einem Plastikmesser, eine Skulptur aus Granit zu meißeln. Märchen scheinen grundsätzlich unbeugsam zu sein und widerstehen den meisten Deutungsversuchen bis heute erfolgreich – wenn Deutung heißt, das Rätsel des Märchens zu lösen. Und selbst wenn ich mich phasenweise für die eine oder andere Strategie erwärmen konnte, die sich redlich bemühte den Schlüssel zum Wesen des Märchens zu finden, so kehrte ich über kurz oder lang immer wieder zu dem Text zurück, der mich von Kindesbeinen an faszinierte und hinter dessen Textur nichts anderes aufschimmerte als das Geheimnis seiner für immer verschlossenen Bedeutung.
Als Astrologe, der mit Märchen aufgewachsen ist und lebt, kam mir von selbst immer wieder eine weitere Frage in den Sinn: die nach der Möglichkeit, Märchen astrologisch zu deuten. Sicher – in vielen Märchen gibt es Bezüge zu Sonne, Mond und Sternen. Doch kein Märchen, das ich kenne, offenbart sich von sich aus als auf der Grundlage astrologischer Symbolik komponiert. Darin unterscheiden sich astrologische Deutungsversuche nicht von psychologisch-symbolischen, strukturalistischen oder anthropologischen Deutungen: Alle Deutungen versuchen etwas zu finde, was an der Oberfläche nicht im Märchen gelesen werden kann, wohl aber in der Tiefe vorhanden zu sein geglaubt wird.

Was bringen Märchen in der astrologischen Beratung?

Gerade bei der astrologischen Deutung ist die Frage besonders wichtig: Warum sollten wir Märchen überhaupt astrologisch deuten? Was gewinne ich daraus an Erkenntnissen, die ich nicht ohnehin schon auf unmittelbarem Wege gewinnen könnte? Ist es nicht so, dass ich in der zweifelsohne reizvollen Liaison zwischen Astrologie und Märchen nicht das Geheimnisvolle mit dem Rätselhaften anreichere, das Unerklärliche mit dem Unerklärbaren vermenge, und so anstelle von mehr Klarheit ein nur noch verschwommenere Bild dessen zeichne, was sich vielleicht mühelos von selbst aus der Geschichte erhebt, wenn ich sie mit unverstelltem Blick lese? Welches Interesse verfolge ich, wenn ich Märchen eine astrologisch erfassbare Tiefenstruktur unterstelle?
Natürlich ließe sich antworten, dass der Gewinn in der lustvollen Melange beider Themenbereiche zu sehen sei, und ich muss zugeben: Es macht Spaß und trainiert den Geist, sich mit dem Messer des Verstandes an das Märchen zu wagen, auch wenn man am Ende mit abgewetzter Klinge feststellen muss, dass man nicht einmal einen Kratzer tief hinter die Oberfläche gedrungen ist. Deshalb mag uns die Verquickung von Märchen und Astrologie auf eine erschöpfende Weise als Forscher und Abenteurer zufrieden stellen, aber am Ende müssen wir uns auch der Frage gegenüberstellen, welchen praktischen Wert ein solches Unterfangen zu bieten hat, konkret:

Was nützt es dem, der sich von mir beraten wissen will, der sich von mir erhofft, dass ich in der Lage sei, aus dem Meer der Möglichkeiten, das sich einem auf dem Weg durch das Horoskop eröffnet, genau die Erkenntnisse zu schöpfen, die einen unmittelbaren Bezug auf das Anliegen des Klienten nehmen? Was bringt es dem Horoskopeigner, wenn Erkenntnisse aus einem astrologisch gedeuteten Märchen in die Interpretation einfließen würden?

An dieser Stelle kehrt sich die Bewegungsrichtung um: Nicht mehr nur die Anwendung astrologischer Symbolik auf Märchen steht zur Debatte, sondern die Anwendung von Märchen im Rahmen astrologischer Symbolik. Um diese zweite Richtung, die sich mit der Frage beschäftigt, worin der Wert eines mit Hilfe von Märchen gedeuteten Horoskops besteht, und wie dies überhaupt sinnvoll zu bewerkstelligen sei, soll es mir im weiteren Verlauf gehen. Dazu scheint es notwendig, sich kurz mit der Frage nach der Deutbarkeit von Märchen überhaupt auseinander zu setzen.

Das Märchen hat niemand erfunden

Das Besondere an Märchen ist, dass sie niemand erfunden hat – so wie man einen Roman schreibt oder eine Kurzgeschichte. Sie entspringen einer mündlichen Tradition, gelangten über Jahrhunderte vom Mund des Erzählers in das Ohr des Zuhörers und von dort in seine Fantasie. Dann sind sie sie irgendwann in den Bücherregalen gelandet, dank zahlreicher emsiger Märchensammler wie den Brüdern Grimm. In diesem Prozess der Fixierung erfuhren Märchen eine Art literarische Prägung und deshalb erkennen wir ein Märchen auch heute noch daran, dass es in einer eigentümlichen Sprache gesprochen wird, eine ganz eigene Erzählhaltung aufweist.
Wer weiß aber, wie die Märchen heute klingen würden, wenn sie nicht aufgeschrieben worden wären? Wovon würden sie handeln? Wie hätten sie sich unseren Lebensumständen angepasst? Wir können es nicht wissen. Und vielleicht ist das ganz gut so, denn so verbinden uns die Märchen allein über ihre Sprache mit einer Zeit irgendwo in der Vergangenheit, vielleicht so weit zurück liegend, dass es eine Zeit ohne Zeit ist, eben die Zeit des „Es war einmal …“. Es ist eine Zeit, die zu einer Welt gehört, die verzaubert ist, in der Dinge wie selbstverständlich geschehen und Menschen sich wie selbstverständlich verhalten, wie es unserem Alltagsverständnis von Wirklichkeit eher entgegengesetzt scheint. Märchen entführen in eine Welt neben der unseren, einer anderen Welt – und darin besteht nicht zuletzt ein ganz wesentlicher Reiz, der von ihnen ausgeht.
Märchen sind ursprünglich ein akustisches Phänomen, sie wurden gesprochen, nicht gelesen. Das ist wichtig für das Verständnis von Märchen, denn es bedeutet, dass ein Märchen auch Variationen kennt, ja kennen muss, denn jeder Erzähler wird sich mehr oder weniger streng an die Vorlage halten und sie entsprechend verändern, vielleicht auch nur aus einer Laune heraus, einem inneren Impuls folgend, vielleicht aber auch mit einer bestimmten Absicht. Insofern ist ein bestimmtes Märchen zwar immer an eine bestimmte Form gebunden, die es unverwechselbar macht, das heißt, damit wir Rotkäppchen nicht mit Hänsel und Gretel verwechseln, aber in der Darstellung der Form kann es unterschiedlich sein – je nach Kontext. Die lebendige mündliche Überlieferung begünstigt diesen Prozess und erzeugt so eine große Bandbreite an möglichen Formen eines Märchens.

Das Geheimnis des Märchens

Durch die schriftliche Fixierung wurde dieser Prozess an vielen Stellen unterbrochen und angehalten. Das Märchen erhielt eine bestimmte Form, wurde gewissermaßen konserviert. Dies ermöglichte erst den Zugang zu Märchen mit den Mitteln der Deutung. Entstand die Bedeutung des Märchens zuvor noch aus der unmittelbaren Interaktion zwischen Erzähler und Zuhörerschaft, wurde das Märchen nun zum Gegenstand, an dem man sich forscherisch betätigen kann. Wo zuvor das Sprechen als schöpferischer Akt das Märchen bei jedem Erzählen neu entstehen ließ, stand nun das gelesene Märchen in seiner monolithischen Gestalt, ein Objekt der Betrachtung. Das Märchen wurde vom gesprochenen Vorgang zum gelesenen Gegenstand.
Das Geheimnis des Märchens aber blieb. Nur konnte es sich jetzt nicht mehr in das Schweigen zurückziehen. Wir schlagen unsere Kinder- und Hausmärchen auf und schon präsentiert es sich uns und kann unserer Analyse nicht mehr entkommen. An die Stelle des Staunens tritt der Wille zu verstehen. Es ist der Wunsch nach Bedeutung, und zwar nicht nach individueller Bedeutung, sondern nach einer Bedeutung, die über unsere Persönlichkeit hinaus geht. Irgendwo in der Tiefe, so glaubt man, ist diese allumfassende Bedeutung zu finden. Und wie der Dummling im Märchen von den drei Federn suchen wir im Gras des Märchens nach einer Falltüre, hinter der wir die Stiege finden würden, deren Stufen uns in diese Tiefe führen würden.

Wir nehmen heute gerne an, dass die Bedeutung des Märchens nicht etwas ist, dass im Erzählen entsteht, sondern im Märchen vorhanden ist und wesenhaft zu seiner Struktur gehört. Die Bilder des Märchens werden zu festen Symbolen, und diese Symbole werden gedeutet. Märchen können nicht mehr einfach so gehört werden, sie müssen interpretiert werden, damit sie ihr wahres Gesicht zeigen, damit sie offenbaren, was eigentlich wirklich in ihnen steckt.

Fortsetzung ...
… folgt. Lesen Sie im zweiten Teil dieses Artikels, wie sich das Märchen einer einfachen Interpretation entzieht – und was das für die Suche nach astrologischen Entsprechungen bedeutet.

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