Haus Zwölf: Das Haus der aufgehenden Sonne (2)

In Wissen by Christopher

Das Haus der aufgehenden Sonne (2)

Die Sonne bringt es an den Tag

Das Grundempfinden der Menschen zum Anbruch des Tages spiegelt sich am deutlichsten in den Sonnenaufgangsmythen der verschiedenen Kulturen: dort treffen wir kaum auf derart negative Zuordnungen – im Gegenteil: die Geburt des Tages ist durchwegs positiv besetzt und nicht selten wird die Morgensonne in einer Gottheit verehrt, die sich nicht nur durch besondere Schönheit hervortut, sondern analog über alle Prozesse der Geburt die schützende Hand hält, wie der japanische Gott Hiruko, die etruskische Thesan, die babylonische Aja oder die indische Suranyu. An erster Stelle ist da natürlich die liebliche Eos, die griechische Göttin der Morgenröte, und die römische Aurora zu nennen, Schwester von Sonne und Mond, die mit ihren rosigen Fingern die Pforten des Himmels öffnet, um dem Sonnenwagen des Helios den Weg zu bahnen.
Alles in allem geht es in den meisten Mythen beim Sonnenaufgang um den Beginn und Schöpfung: sei es das Erwachen der Natur am Morgen, der Geburt des Menschen oder der Entstehung der Welt schlechthin. Es ist im Grunde ein positiver, kreativer Akt und es zeigt sich keine Spur davon, dass mit den ersten Morgenstunden etwas Unheimliches oder gar Bedrohliches verbunden würde – im Gegenteil: es schwingt Hoffnung und Zuversicht mit beim Gedanken an den Triumph des Tages über die Nacht. Das Licht der Sonne bringt die Hoffnung auf eine neue Chancen angesichts des noch unverbrauchten Tages mit seinen noch unentdeckten Möglichkeiten. Und doch: So wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt, so zerrt sie auch die Dinge ans Licht, die besser verborgen geblieben wären.
„Du bringst es doch nicht an den Tag“ beschwört Meister Nikolas die Morgensonne, deren Strahlen sich am Rand seiner Schale fangen, als er sich in seiner Werkstatt zum Frühtrunk niedergelassen hatte. Doch kaum hatte seine Frau die Worte erfasst, die er so für sich gesprochen hatte, packt sie die Neugier und sie dringt so lange in ihren Mann, bis dieser ihr sein dunkles Geheimnis offenbart: vor zwanzig Jahren hatte er einen Wandersmann um acht Pfennige ermordet. Dieser hatte ihm sterbend zugerufen: „Die Sonne bringt es an den Tag!“ Adalbert von Chamisso, der uns diese Geschichte im gleichnamigen Lied erzählt, lässt Meister Nikolas nicht davon kommen:

„So hatte die Sonn eine Zunge nun, / der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. … Nun bringt’s die Sonne an den Tag. Die Raben ziehen krächzend zumal / Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl. / Wen flechten sie aufs Rad zur Stund? / Was hat er getan? Wie ward es kund? / Die Sonne bracht es an den Tag.“ (12)

Für den Mörder wird die Morgensonne zum Verhängnis – sie lüftet sein Geheimnis und führt ihn seiner gerechten Strafe zu. Das zwölfte Haus erfährt hier eine Wende in seiner Bedeutung: es verhüllt nicht und vernebelt nicht, sondern wirft ganz im Gegenteil sein Licht auf die Welt und ruft sie nach der Stille der Nacht ins Leben zurück. Das zwölfte Haus – eine Sphinx ohne Geheimnisse?

Aus Acht mach Zwölf

Wie kommt es denn zu dieser Verwirrung der Inhalte, sodass sich die Bedeutungen des zwölften Hauses so gar nicht mit dem Grundempfinden der Anschauung decken mögen?

Die Lösung liegt in der Geschichte des astrologischen Häusersystems verborgen. Dieses entwickelte sich aus einem einfachen Quadrantensystem, welches den Lauf der Sonne in vier Abschnitte unterteilte, die wiederum mit den vier Tageszeiten (morgens, mittags, abends, nachts) korrespondierten und demgemäß im Uhrzeigersinn gezählt wurden. Später verfeinerte man dieses System zum Oktotopos oder Acht-Orte-System, indem die vier Quadranten einfach noch einmal halbiert wurden. Jedem dieser Achtel wurde eine bestimmten Qualität und damit einer bestimmte Bedeutung zugesprochen, auch begann die Zählung mit dem Aszendenten, jedoch setzte man diesen nicht als Anfang des ersten Hauses, sondern als dessen Mitte.
Dieses erste Haus nun umfasste damals eben jenen Bereich, in den wir heute das zwölfte Haus integrieren – und er nannte sich „Leben“: eine Bezeichnung, die ganz im Einklang mit der menschlichen Grunderfahrung des Sonnenaufgangs steht.
Die Griechen erst stockten das Häusersystem um vier Häuser auf und schalteten es mit den Tierkreiszeichen gleich, sodass es seither wie diese entgegen dem Uhrzeigersinn gezählt wird. (13) Durch die nun gegebene Übereinstimmung zwischen Häuserkreis und Tierkreis verschob sich die Bedeutung des zwölften Hauses immer stärker in eine Richtung, wie sie durch das Tierkreiszeichen Fische umrissen wird und sich deutlich in der Beschreibung des Ptolemaios widerspiegelt: dunstig, neblig, unklar. Für den Zyklus der Häuser bedeutete dies, dass die ursprünglichen Erfahrungen, die mit dem Rhythmus von Tag und Nacht einhergingen, auf den Kopf gestellt wurden: dort, wo zuvor noch der Anfang des Lebens herrschte, sollte nun alles zu Ende sein.

Das Gewicht des Himmels auf den Horizont

Es scheint zunächst, dass die Deutung des zwölften Hauses, wie sie uns in der einschlägigen Literatur angeboten wird, eher eine historische Konstruktion ist als eine im eigentlichen Sinne des Wortes astrologische Erfahrungstatsache. Bevor wir nun den Stab über das zwölfte Haus brechen und mit der Ablehnung der herkömmlichen Deutungen Gefahr laufen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, sollten wir an den Ursprung der Anschauung zurückkehren und uns noch einmal gründlich umsehen.
Das zwölfte Haus ist das letzte Haus des klassischen Zyklus und es ist das erste Haus des Zyklus, wenn wir es der Anschauung nach als Haus der aufgehenden Sonne betrachten. Aus der einen Perspektive endet der Zyklus am Aszendenten – dort, wo er seinen Anfang genommen hat – und aus der anderen Perspektive beginnt er mit dem Aszendenten – und lässt die Dunkelheit unterm Horizont zurück.
Der Aszendent ist in beiden Fällen Anfang und Ende: er ist die Grenzlinie zwischen dem, was sich unter der Erde (unter Tag also) unseren Blicken entzieht, und dem Himmel, der sich wie ein gewaltige Kuppel über uns wölbt. Dane Rudhyar sah in dem Aufeinandertreffen der oberen und der unteren Sphäre im Horizont, wie der „das gesamte Gewicht des Himmels auf den Horizont drückt“. (14) Tatsächlich könnte man sich vorstellen, dass es sich um einen beschwerlichen Aufstieg handelt, den die Sonne kurz nach ihrer Geburt am östlichen Horizont auf sich zu nehmen hat, bis sie am Medium Cœli den Zenith ihrer Laufbahn erreicht hat. Doch gegen welche Kräfte, die auf den Horizont drücken, muss sich das neu geborene Licht durchsetzen?
Auf menschliche Verhältnisse übertragen: Wenn wir das Licht der Welt erblicken, öffnet sich uns eine Welt voller Möglichkeiten – sie ist so ungleich größer, vielfältiger und offener als die wenigen Quadratzentimeter im Mutterleib. Geboren werden heißt: Befreiung von der Nabelschnur – einem Symbol für Abhängigkeit und Unselbstständigkeit. Der Augenblick, in dem sich unsere Lungen zum ersten Male mit Luft füllen und wir die Welt in uns aufnehmen, ist der Startschuss: ausgestattet mit einer riesigen Palette an Anlagen, Fähigkeiten und Talenten werden wir in die Welt geworfen, um sie für uns zu erobern und ihr unseren Stempel aufzuprägen. Und dann die Ernüchterung: wir werden in eine Welt hineingeboren, die wir nicht gewählt haben, und diese Welt ist nicht „wüst und leer“, sondern sie ist voller Strukturen, in die wir uns hineinfinden müssen – ob wir das nun wollen oder nicht. Sobald wir das Licht der Welt erblicken, werden wir auch dem Blick der Welt ausgesetzt, und dieser Blick ist nicht unvoreingenommen, sondern organisiert unser Leben, bevor wir es überhaupt begonnen haben. Während es dem Horoskop „egal“ ist, ob wir Frau oder Mann, schwarz oder weiß, arm oder reich sind, werden wir in eine Welt hinein geworfen, in der all dies von Anfang an eine Bedeutung hat, der wir hilflos ausgeliefert sind. Mit dem ersten Schrei gewinnen wir unsere Freiheit – und verlieren sie im selben Atemzug.

Mit jedem Sonnenaufgang wiederholt sich dieses Schauspiel im Kleinen: prinzipiell ist jeder neue Tag ein Tag voller Chancen und Möglichkeiten, voller unentdeckter Erfahrungen und unvorhersehbarer Ereignisse. Und doch werden wir Tag für Tag Zeuge des genauen Gegenteils, denn mit den ersten Sonnenstrahlen ersteht alles, was wir am Vortag unerledigt liegen gelassen haben, ebenso von Neuem. Vor dem, was wir getan haben, können wir nur scheinbar in den Schlaf entfliehen, denn schon im Morgengrauen bringt es die Sonne wieder an den Tag. Mit dem Erwachen beginnt für viele das Morgengrauen, denn mit dem ersten Fuß aus dem Nachtlager gehören wir zu einem großen Teil nicht mehr uns selbst, sondern dem Schatten, der aus dem Gestern in das Heute hineinragt und die Zukunft verdunkelt. Dieser Schatten ist wie die unauflösliche Nabelschnur, auf welche die Tage unseres Lebens wie Perlen aufgereiht sind. In diesem Schatten lauern die „Geister der Vergangenheit“.

Ende ...
… des zweiten Teils.
Im dritten Teil stellen wir uns der Frage, welche Folgen für die Deutung des zwölften Hauses die Betrachtung der Bewegung der Sonne durch die Häuser hat.

(12) von Chamisso, Adalbert: Sämtliche Werke in zwei Bänden, Bd. 1. Winkler-Verlag 1975. S. 309-311
(13) Vgl. zur Entwicklung des Häusersystems Fagan, Cyril: The Oktotopos und Guinard, Patrice: The Dominion, nachzulesen auf auf der Website von C.U.R.A. (http://cura.free.fr), sowie Knappich, Wilhelm: Entwicklung der Horoskoptechnik vom Altertum bis zur Gegenwart in Qualität der Zeit Nr.38/38 Wien 1978.
(14) Rudhyar, Dane: Das astrologische Häusersystem. Reinbek bei Hamburg 1992. S. 149

Newsletter

Keine Neuigkeiten verpassen! Kostenlos, unverbindlich - kann jederzeit gekündigt werden!
  • Bitte geben Sie ein gültige Email-Adresse ein!
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Teile diesen Artikel mit anderen!