Haus Zwölf: Das Haus der aufgehenden Sonne (1)

In Wissen by Christopher

Das Haus der aufgehenden Sonne (1)

Da flammts im Osten auf – o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strale
Strömt Wald und Haide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher, sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.Annette von Droste-Hülshoff

„Schwimmen, ohne zu ertrinken”

Das zwölfte Haus – es gilt als einer der geheimnisvollsten und seinem Wesen nach unergründlichsten Orte im Horoskop. Mancher möchte ihm entnehmen, „welche Haltung jemand dem eigenen tiefsten Inneren gegenüber hat, dem meist verborgenen Geheimnis des eigenen Unbewussten“ (1), andere erleben dort den „Prozess der Auflösung des individuellen Ichs und des Aufgehens in etwas Größerem, aber nicht durch den Verstand oder den Intellekt …, sondern mit Herz und Seele“ (2) und nicht selten wird es auch als „Weg für mystische Inspiration“ gehalten, auf welchem der Mensch „für Inhalte höherer Bewusstseinsebenen empfänglich und bereit“ (3) sei. Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Panoptikum der Inhalte des letzten Hauses im Häuserkreis, und doch wird deutlich, dass es hier in erster Linie um etwas Höheres, Größeres geht, in welches der Mensch qua Geburt eingebettet zu sein scheint. Je nach Blickwinkel sieht man das kollektive Unbewusste, Karma oder das Göttliche und Numinose im zwölften Haus walten, spürt das „Heimweh nach dem Göttlichen“, während nüchternere Zeitgenossen darin lieber eine „übergeordnete Ganzheit“ sehen möchten, einen Organismus, in welchen der Mensch wie ein Organ eingebettet ist und von dem er „Botschaften“ erhält, „sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten“ (4), oder finden in ihm eine soziale Perspektive, den „Druck der Gesellschaft auf den Einzelnen“ (5) beispielsweise.
Immer aber scheint das Anliegen des zwölften Hauses zu sein, uns mit Bereichen des Lebens in Berührung zu bringen, die über die Persönlichkeit des Einzelnen hinausgehen. In nahezu allen Deutungen sind wir nicht Protagonisten unseres Lebens, sondern Empfänger von Impulsen aus Bereichen, über die wir keine Kontrolle haben. Am deutlichsten wird diese Sichtweise in der Vorstellung, dass sich im zwölften Haus „Muster, Triebe und Zwänge, die unterhalb der Bewusstseinsebene wirken“ (6) oder sogar ihre Ursache im vorgeburtlichen Seelenzustand während der Schwangerschaft haben sollen, manifestieren. Früher nannte man das zwölfte Haus das Haus der „geheimen Feinde“ und auch heute noch tauchen sie im Gewande der „inneren Feinden“ in den Horoskopdeutungen auf, welche nichts anderes sind als „Charakterschwächen, verdrängte Komplexe, die die Entwicklung hemmen“ (7).

Dem zwölften Haus, so scheint es, sind wir auf eine mysteriöse Art und Weise ausgeliefert und aller Entscheidungsfreiheit beraubt: es umfasst Gesetze und Strukturen, die hinter den Erscheinungen wirken und die deshalb größer sind als wir. Wie auf einem unendlichen Ozean treibt das Individuum wie der Spielball höherer Mächte auf den Wellen, und alles, was ihm bleibt ist der Versuch, „im Wasser des zwölften Hauses zu schwimmen, ohne in ihm zu ertrinken.“ (8)

„Alle unerwünschten Dinge“

Neben diesen eher verschwommenen Bedeutungen gibt es eine weitere Assoziation, die wir durchgängig in der einschlägigen Literatur finden und die ziemlich düster ausfällt: das zwölfte Haus als Ort „aller unerwünschter Dinge“ (9).
Zu einer Zeit, da Astrologen die Welt noch in Gut und Böse teilen durften, erklärte Ptolemaios, dass der so genannte „Lebensverlängerer“ (Hyleg) nicht in Haus 12 gefunden werden könne, denn hier residiere

„… das Maleus genius, der übel wollende Dämon genannt, weil es die Gestirne, die sich über den Horizont erhoben haben, getrübt wieder entlässt und ein fallendes Haus ist, während zugleich in dieses Haus die Erde ihre feuchten Dünste und dichten Nebel ausatmet, welche weder Farbe noch die Größe der Gestirne erkennen lässt.“ (10)

Noch heute lebt diese bedrohliche Sicht in der Stundenastrologie weiter, die nichts Gutes über das zwölfte Haus zu berichten wissen. Da ist die Rede von „Pech und Unglück“, von Verlusten, Einsamkeit, Anonymität, psychischen Problemen, Vergiftungen (11). Die Palette wird ergänzt durch Orte, denen der Ruch der Ächtung und Verachtung, des Kriminellen und Kranken anhaftet, wie Gefängnisse, Krankenhäuser, Internate, geschlossene Anstalten, Heime. Es geht um Verbannung, Verschwörung, Verdunkelung, Spionage, Erpressung: ein Bataillon des Untergründigen und Ungesetzlichen bricht aus dem zwölften Haus hervor – ein Hort all dessen, was sich vor dem Blick der Rechtschaffenen und Ehrbaren in den dunklen Winkeln unserer Gesellschaft zu verbergen sucht. Hier steigt der übel wollende Dämon aus seiner Gruft und lauert uns auf, um uns Irrtümer, Fehler und Laster zu verstricken.

Es werde Licht!

Wenn wir Licht in das wirre Dunkel um das zwölfte Haus werfen wollen, so müssen wir an einem Grundgedanken der Astrologie anknüpfen: Astrologie ist aus der Anschauung des Himmels geboren.
Es war der Blick des Menschen an den Himmel, der den Zeichen und Phänomenen dort oben eine Bedeutung für das Leben hier unten verlieh. Zwei astronomische Zyklen vernetzen sich dabei zu einem komplexen Bild und bilden die Grundlage für das Horoskop: der scheinbare jährliche Lauf der Sonne um die Erde, der verantwortlich für die Entstehung der Jahreszeiten zeichnet, und ihr scheinbarer täglicher Lauf, welcher den Wechsel von Tag und Nacht hervorbringt.
Im Horoskop wird Letzterer zur Grundlage des Häuserkreises: der Horizont aus Aszendent und Deszendent wird zur Grenze zwischen einer Welt der Entäußerung (Häuser 7 bis 12) in der oberen Hälfte des Horoskops, und einer Welt der Verinnerlichung (Häuser 1 bis 6) in der unteren Hälfte. Die Welt über dem Horizont ist eine sichtbare, „äußere Landschaft“, in der ich allem begegne, was von meinem subjektiven Standpunkt aus gesehen nicht zu mir gehört und von dem ich mich als Individuum getrennt erlebe: die anderen Menschen und ihre Gedanken, die Gegenstände, die Spielregeln der Gesellschaft und der Kultur, in die ich hineingeboren wurde – es ist eine öffentliche, objektive Welt. Die Welt unter dem Horizont ist eine „innere Landschaft“, die sich dem Blick der Öffentlichkeit entzieht: sie ist subjektiv und privat, hier bin ich der Mensch, der nicht beobachtet wird, sich nicht zwischen den Menschen und Dingen bewegen muss, sondern den Kontakt zu sich selbst sucht, um seine Energien wieder auf sich selbst zu beziehen.
Zwei kritische Punkte gibt es in diesem Zyklus: der Übergänge zwischen Tag und Nacht. In der Astrologie spielt insbesondere der Aszendent eine wichtige Rolle, denn in ihm kondensieren alle Eigenschaften des Anfangens und Beginnens – er ist das sinnfälligste Symbol der Geburt.
Was ist demnach das zwölfte Haus der Anschauung nach? Es ist das erste Haus nach dem Sonnenaufgang – es ist das Haus der aufgehenden Sonne! Und seine unmissverständliche Botschaft ist: „Es werde Licht!“

Hier tun große Widersprüche nach allen Seiten auf: Wenn das zwölfte Haus das Haus des ersten Lichtes ist, jener Stunde, in der die Natur zum Leben erwacht, alles aus der Dunkelheit der Nacht entrissen und in die Sichtbarkeit gehoben wird – wieso ist das zwölfte Haus in allen bislang angeführten Deutungen angefüllt von Düsternis, Verschwommenheit und Geheimnissen, die im Verborgenen blühen? Wieso geht es hier um Rückzug, wenn der Tag doch gerade erst angefangen hat?

Ende ...
… des ersten Teils.
Im zweiten Teil gehen wir der Frage nach, wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt.

(1) Boot, Martin: Das Horoskop. München 1988. S. 430
(2) Sasportas, Howard: Astrologische Häuser und Aszendenten. München 1987. S. 133
(3) Sakoian/Acker: Das große Lehrbuch der Astrologie. München 1997. S. 114
(4) Niehenke, Peter: Astrologie. Stuttgart 1994. S. 184
(5) Rudhyar, Dane: Das astrologische Häusersystem. Reinbek 1992. S. 149.
(6) Sasportas, Howard: Astrologische Häuser und Aszendenten. München 1987. S. 137
(7) Wolfgang Reinicke: Praktische Astrologie. München 1997. S. 44
(8) Sasportas, Howard: Astrologische Häuser und Aszendenten. München 1987. S. 146
(9) vgl. Wolfgang Reinicke: Praktische Astrologie. München 1997. S. 44
(10) Ptolemaios: Tetrabiblos. Mössingen 1995. S.164
(11) vgl. van Sloten, Erik: Lehrbuch der Stundenastrologie. Freiburg im Breisgau 1994. S. 45

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