Astrologie und Märchen (3): Irgendwo in der Tiefe …

In Wissen by Christopher

Irgendwo in der Tiefe …? (3)

Die Anwendung von Märchen in astrologischen Beratungen und die Unmöglichkeit ein Märchen sinnvoll zu deuten.

Hier kommt der Unterschied zwischen einer astrologischen und einer psychoanalytischen Deutung ins Spiel. In der psychoanalytischen Deutung werden die Bilder des Märchens ersetzt durch Begriffe, wie sie einer bestimmten Perspektive auf die Welt entsprechen, hier eben der psychoanalytischen Sicht der Dinge. In der astrologischen Deutung sind wir nicht so schnell: zunächst ersetzen wir die Bilder des Märchens durch astrologische Symbole. Wenn wir sagen: Wenn Rotkäppchen vom rechten Wege abkommt, dann erinnert uns das aus einem bestimmten Blickwinkel der Astrologie betrachtet an etwas Uranisches. Wir stellen also für Momente die Beziehung her Rotkäppchen – Uranus.

Abschied von der Tiefenstruktur des Märchens

Was aber bedeutet Uranus? Wir können uns leicht davon überzeugen, dass es neben grundsätzlich sehr ähnlichen Begriffen, die Uranus zugeordnet werden, auch jede Menge Unterschiede in der Sichtweise dieses Planetenprinzips gibt. Für mich hat Uranus beispielsweise etwas damit zu tun, dass wir das Recht haben, vom rechten Wege abzukommen. Und diese Sicht wird mich dazu bringen, dem Märchen von Rotkäppchen auch eine ganz bestimmte Bedeutung zu geben. Das funktioniert für andere aber nur, wenn sie meine Sicht von Uranus teilen. Wenn wir also die Bilder eines Märchens durch astrologische Symbole erweitern, machen wir etwas ganz Spannendes: wir vermehren die Möglichkeiten, ein Märchen zu deuten, weil wir das Rätselhafte mit dem Unbestimmten verbinden. Man stelle sich nur vor, jemand würde nicht so wie ich Uranus in den Vordergrund stellen, sondern Mars, weil es sich ja um eine rote Kappe handle, oder weil der Wolf ein Tier des Mars sei und so weiter. Welche Falltüre würde er dann öffnen? Und in welche Tiefen gelangt er dann? Auf einmal ist die Oberfläche des Märchens übersät mit Falltüren.

Aus der Sicht des forschenden Geistes ist eine solche Vorgehensweise blanker Unsinn. Er will ja die Eindeutigkeit, er will ja „Wahrheit“ finden, das Wesen des Märchens entschlüsseln. Astrologie als Schlüssel öffnet leider nicht eine Türe, sondern unendlich viele. Wozu sollten wir aber dann Märchen mit Astrologie verbinden, wenn eine Deutung dadurch nachgerade verunmöglicht wird?

Nun – wir müssen uns zunächst einmal von dem Aberglauben verabschieden, es gäbe so etwas wie eine universelle, transzendentale Tiefenstruktur des Märchens. Es gibt nur eine Oberfläche, die sich unendlich vervielfältigen lässt. Hinter jeder Türe, die wir öffnen, befinden sich weitere Türen, hinter denen sich weitere Türen befinden und so fort. Wenn wir dies akzeptieren, befreien wir uns vom hermeneutischen Zwang, dem Zwang zur Interpretation. Und dann wird das Märchen auf einmal zu einem wertvollen Gestaltungsmittel der Astrologie, zum Beispiel in einer astrologischen Beratung, denn wenn die Astrologie erlaubt, Märchen noch mehrdeutiger zu machen, dann gilt auch umgekehrt, dass jedes Bild aus einem Märchen die Vielschichtigkeit eines astrologischen Symbols erhöhen kann – und dadurch die Möglichkeiten, es im Rahmen einer Horoskopdeutung zu interpretieren.
Wenn wir zum Beispiel im Rahmen einer Horoskopdeutung auf ein Uranus-Thema stoßen und wir feststellen, dass unsere Klientin zwar gerne dem Impuls des Uranus nach Individualität und Anderssein nachgeben möchte, aber auf der anderen Seite Angst hat, für das Übertreten von Konventionen bestraft zu werden, dann könnten wir zu ihr sagen: Wie sie dieses Thema im Augenblick leben, erinnert mich das an das Märchen von Rotkäppchen – die kam ja auch vom rechten Wege ab und kam dadurch ziemlich in die Klemme. Wenn wir das gesagt haben, dann kommt ein alles entscheidender Augenblick. Wir müssen jetzt ganz genau beobachten, was unsere Klientin mit diesem Angebot macht – wird sie annehmen? Wird sie verständnisvoll nicken? Klärt sich etwas in ihrem Gesichtsausdruck? Oder runzelt sie verständnislos die Stirn? Lehnt sie das Angebot ab, weil sie nichts mit dieser Geschichte anfangen kann?

Das Märchen wird zur Metapher für das Leben

Genau an dieser Stelle brauchen wir die Erlaubnis der Klientin, eine Brücke von Uranus zu Rotkäppchen zu bauen. Erst wenn diese Erlaubnis gegeben wurde, macht es überhaupt Sinn, Uranus und Rotkäppchen in der Praxis zu verbinden. Jetzt haben wir die Möglichkeit, mit Hilfe der Bilderwelt des Märchens unser Repertoire an Lösungsstrategien für die Klientin und ihre Fragen zu erweitern. Ich selbst ziehe es hier vor, sehr nah am Text zu bleiben, das heißt, ich ersetze jetzt nicht die Bilder des Märchens wiederum durch Deutungen meinetwegen psychoanalytischer Herkunft. Ich bleibe so nahe wie möglich am Text des Märchens und lasse es für eine Weile zur Metapher für das Thema des Klienten werden. Vielleicht sehen wir, ob es eine Bedeutung für ihn hat, wenn zum Beispiel von der Mutter und ihren Anweisungen gesprochen wird (und was die Mutter vielleicht repräsentiert, was sie in der Wirklichkeit des Klienten abbildet – und das muss jetzt nicht die reale Mutter sein), oder von dem Versprechen, das Rotkäppchen gibt („Ich will schon alles gut machen“), oder von dem Weg aus dem Dorf in den Wald (die Grenze zwischen Kultur und Wildnis vielleicht). Und vielleicht kommen wir dann auf meine Lieblingsstelle zu sprechen:
Und da gibt es doch jene Stelle im Märchen, in welcher der Wolf zu Rotkäppchen spricht und sagt: „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“ Und dann schlägt Rotkäppchen die Augen auf und es ist, als ob sie die Welt zum ersten Male sähe, „lief vom Wege ab in den Wald hinein …“
An dieser Stelle unseres Gesprächs kann es mit Hilfe dieser Stelle gelingen, dem Klienten ein Hauch von Verständnis für das zu vermitteln, was es bedeuten könnte, die uranische Seite in sich zu entdecken. Und es ist dabei unser gutes Recht, die moralischen Konsequenzen dabei, wie sie im Märchen vorgeschlagen werden, außen vor zu lassen, denn es genügt völlig, dass hier das uranische Element aufscheint und bildhaft spürbar wird. Wenn dies gelingt, hat das Märchen seine Wirkung entfaltet – und wir können das Märchen wieder verlassen, um uns den Fragen des Klienten auf einer eher an den alltäglichen Situationen orientierten Ebene zu widmen.

Eine Brücke zwischen Horoskop und Klient

Es ist dieser punktuelle Einsatz im Beratungskontext, der meiner Erfahrung nach eine enorme Bereicherung der Astrologie durch Märchen darstellt. Das eigentlich Interessante aber ist, dass das wir zu einer anderen Haltung in der Deutung des Märchens gekommen sind – weg von der Frage, was ein Märchen in seiner Tiefe wirklich bedeutet, hin zu der Frage, was ein Märchen in einem bestimmten Zusammenhang für den Einzelnen bedeutet – und das kann selbstverständlich immer wieder anders sein. Damit nähern wir uns wieder dem ursprünglichen Verständnis von Märchen als akustischem, gesprochenen Phänomen, in welchem die Interaktion zwischen Klient und Astrologe erst die Bedeutung des Märchens erschafft. Der Astrologe nimmt hier eine Rolle ein, die mit der eines Märchenerzählers verglichen werden kann – nur in einem etwas erweiterten Sinne, da er das Märchen nicht erzählt, sondern es einsetzt, und zwar als Vorschlag, um einen astrologischen Sachverhalt zu einem inneren Erlebnis entlang des vorgeschlagenen Bildes zu machen. Deshalb kann dieser Vorgang auch nicht außerhalb eines Beratungskontextes nachgeahmt werden, zum Beispiel in einem schriftlichen Gutachten.
Eine solche Verbindung von Astrologie und Märchen fragt nicht danach, was das Märchen grundsätzlich bedeutet und wie man es allgemein in astrologische Symbole übersetzen kann. Hier wird das Märchen als Brücke zwischen dem Horoskop und dem Klienten verstanden, da es die abstrakten Symbole in mehrdeutige Bilder umsetzt, an denen gemeinsam mit dem Klienten eine Bedeutung gefunden werden kann, eine Bedeutung, die so einzigartig ist, wie der Kontext, in dem sich Astrologe und Klient gerade befinden.
Ende ...

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